Wenn der Knochen gestresst ist – Ermüdungsbruch beim Sportler

Der 4. Halbmarathon in kurzer Folge oder die intensive Intervallserie auf hartem Asphalt in den alten Laufschuhen: Wenn´s seither immer an derselben Stelle zwickt und drückt, fragt sich so mancher Läufer oder manche Triathletin zu Recht, ob eine Stressfraktur dahinterstecken könnte.

Tobias Brachner
Also aufpassen!!

Hierbei kommt es zu einem Missverhältnis zwischen Belastung und Erholung an einem bestimmten Skelettabschnitt. Dadurch entstehen Reizzustände in und am Knochen sowie den umgebenden Weichteilstrukturen, welche letztlich bis zum Knochenbruch führen können. Betroffen sind am häufigsten der Mittelfuß, das Schienbein und die untere Wirbelsäulen/Beckenregion sowie der Oberschenkelhals. Es sind jedoch bei weitem nicht nur Läufer und Triathleten betroffen, auch wenn diese die häufigste Gruppe darstellen. Auch beim Fußball, Turnen, Leichtathletik sowie bei Wurfsportarten an der oberen Extremität können Stressfrakturen auftreten.

Der Knochen im menschlichen Körper stellt eben nicht nur ein starres Stützgewebe dar, sondern eine Struktur, welche andauernd mit Anpassungs- und Umbauvorgängen auf die jeweilige Form der Belastung reagiert. Allerdings brauchen diese Anpassungsvorgänge deutlich länger (Monate bis Jahre) im Vergleich z.B. zur Muskulatur (Wochen). „Überholt“ man sozusagen diese Umbauprozesse durch falsch gesteigerte/plötzlich vermehrte Belastung kommt dieses sonst sehr sinnvolle Anpassungssystem nicht mehr hinterher. Ein Überlastungssyndrom mit Knochenhautentzündung bis hin zum Bruch des Knochens können die Folge sein, der Körper signalisiert nun sehr deutlich „Stopp!“

Was ist jetzt aber noch ein „normaler“ gelegentlicher Belastungsschmerz nach dem Sport und wann steckt mehr dahinter?  Dies kann letztlich rein von den Beschwerden oft nicht eindeutig unterschieden werden. Vorsicht ist daher immer geboten bei Schmerzen, die sich „nicht weglaufen lassen“ oder schon im Alltag oder sogar in Ruhe Probleme bereiten. Daher gilt: Im Zweifel vom Sportmediziner abklären lassen!

Dieser wird neben der allgemeinen Diagnostik auch die Risikofaktoren abklären: Die Art und Steigerung der Belastung, ebenso anatomische Faktoren wie z.B. Beinachsen- oder Fußfehlstellungen. Zudem sollte der Hormon- und Vitaminstatus beachtet und ggf. mitbehandelt werden, ebenso die Ernährungssituation gerade bei Sportlerinnen kritisch hinterfragt werden. Auch eine professionelle Laufanalyse kann hilfreich sein, z.B. auch zur Analyse von Technikfehlern oder muskulär-funktionell bedingten Fehlbelastungen.

Therapeutisch ist dann tatsächlich – wen wundert´s – die wichtigste Therapie einer Überlastungsreaktion die Vermeidung der auslösenden Belastung. Die meisten der Stressfrakturen heilen nach wenigen Wochen folgenlos aus, Operationen sind selten nötig. Therapieverfahren wie Infiltrationen mit sog. plättchenreichem Plasma, Mikrostromtherapie oder fokussierte Stoßwellenanwendungen können die Heilung zusätzlich günstig beeinflussen.

Eine vollständige Sportpause ist in den meisten Fällen weder nötig noch sinnvoll, allein schon um die Leistungseinbußen an Muskulatur und Ausdauer nicht zu groß werden zu lassen.  Allerdings sollte sehr genau abgewogen werden, welche Belastung und welche Ausgleichssportart möglich und sinnvoll ist. Ungeduld und ein zu frühes „geht schon“ ist oft der Grund für erneute Beschwerden und setzt den Heilvorgang und damit nicht selten die ganze Saison auf´s Spiel.

Auch die vielfach widersprüchlichen Aussagen zu diesem Thema im Internet oder im Sportverein verunsichern die Betroffenen oft mehr als dass sie helfen. Jeder Körper und jede Verletzung ist anders und reagiert unterschiedlich auf die gestellten Reize. Daher sollten Pauschalaussagen möglichst vermieden und auf die individuelle Situation des Sportlers eingegangen werden.

Je enger hier die Absprache des Behandlungsteams mit dem Sportler erfolgt, umso weniger Missverständnisse können entstehen und das Resultat negativ beeinflussen. Gerade bei Ballsportarten oder Sprungbelastung kann gegen Ende der Behandlungsphase dann auch eine „Return to Sports“-Diagnostik empfohlen werden. Hierbei wird mit speziellen Koordinations- und Sprungtests ermittelt, ob der Sportler auch funktionell schon bereit für eine Rückkehr in seinen Sport ist, oder ob hier noch Defizite bestehen, welche wiederum eine erneute Verletzung begünstigen würden.

 

 

Fazit:

  • Stressfrakturen haben oft eine Vorgeschichte – daher anhaltende Beschwerden im Zweifel vom Sportmediziner abklären lassen
  • Stressfrakturen lassen sich gut und meist folgenlos behandeln
  • Dafür bedarf es jedoch Geduld und eine individuelle Beratung bezüglich der erlaubten Belastung
  • Risikofaktoren gilt es mit abzuklären und zu behandeln
  • Eine komplette Sportpause ist oft nicht nötig

 

Dr. med. Michael Dengler

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie

Sportmediziner des OTC|REGENSBURG

Online-Termin Sportsprechstunde unter www.otc-regensburg.de

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