Julian bloggt: Halbmarathon mit Tiefgang

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„Lass dir von niemandem sagen, das du etwas nicht kannst!“ 

Dieser Satz von Triathlon Profi Andreas Niedrig hat mich immer schon beschäftigt. 

Wie die von Andreas (Vom Junkie zum Ironman),  gibt es unzählige Geschichten von Schicksalsschlägen, Sucht, Scheitern, Verletzung und Erfolg, wie sie nur der Sport schreiben kann. Meist sind diese Sportler – Geschichten beeindruckend, viele sogar filmreif. 

Wenn du aber plötzlich mittendrin steckst und es um einen deiner besten Freunde geht, dann ist dein Blickwinkel ein ganz anerer…

Frühjahr 2009

Immer am Gas, immer sportlich unterwegs. Ob Laufen auf unsere Hausberge rundum Sankt Englmar, Mountainbiken in steilem Gelände oder Schwimmen zum Sonnenaufgang. Wir waren immer unterwegs. Mein Freund Flo und ich haben uns sportlich immer neue Ziele gesucht. Anfang 2009 war dann nach einer Schullektüre über Triathlon unser absolutes Highlight endlich gefunden. „Oamoi an Ironman macha, des wärs! Des san 120 Runden im Badeweiher, danach mim Radl nach Minga und dann zehn Moi rundum an Olympiapark, des griang ma hi!“ 

Das Thema „Ziel“ war damit geklärt. Das erste Etappenziel haben wir uns mit einem Halbmarathon auch schon gesetzt und machten uns hochmotiviert an unsere Laufform. 

Doch dann kam alles ganz anders….

Letztes Juni Wochenende 2009

Samstag früh klingelt mein Handy…“Mama“ steht auf dem Display. 

„Da Flo hat an Motorradunfall ghabt gestern Abend …es schaut ned guad aus…“ 

Nach einigen unsicheren, leisen Fragen von mir, die meine Mama kaum beantworten konnte legte ich auf, schockiert und völlig überfordert. 

Dieses Gefühl kennen bestimmt die meisten von euch. Selbst zehn Jahre danach kann ich mich in jede Sekunde nach dem Telefonat noch hineinfühlen. 

Nach einem Gespräch mit Flo’s Mama wurde mir richtig bewusst wie kritisch die Lage ist… 

Schwere innere Verletzungen, künstliches Koma und wenn es Flo überhaupt schafft, wird der linke Fuß wohl nicht zu retten sein… 

Die Zeit bis Ende Juli war ein ständiges Auf und Ab. Nach der Verlegung nach Regensburg war Flo dann aber außer Lebensgefahr und die Ärzte versuchten seinen Fuß irgendwie zu retten. 

Mein erster Besuch im Krankenhaus blieb mir genauso im Gedächtnis wie das Gefühl nach der Unfallnachricht… „Habedere, etz gehts wieder auf he!“ Das waren seine ersten Worte bei unserem Wiedersehen. 

Nach seinen Erzählungen und den Aussagen der Ärzte bezüglich Sport, war klar, das hier und jetzt eine lange Reise beginnt, die sich wohl nicht ohne Rückschläge gestalten wird. „Hauptsach du bist no do Oida, des is des Wichtigste!“ 

2009 – 2014

Unzählige Krankenhaus Aufenthalte, viele Operationen und noch mehr Reha’s sind zäh und für die Psyche nicht einach. Eines hat sich Flo aber stets behalten, den Blick nach vorn und der Glaube daran, das es trotz schwerer Zeiten immer vorwärts geht. Auch heute noch zieh ich meinen Hut vor seiner Disziplin. Er wollte wieder Sport machen können, und hat diese Einstellung, auch neben den Physio Stunden, jeden Tag gelebt. Motivationslöcher gab es natürlich genug, aber auch immer ein Mittel dagegen. 

Nach unserer ersten Mountainbike Ausfahrt, die er in gleicher Weise bestritt wie 5 Jahre zuvor, „Geschwindigkeit macht Sicherheit“, war ich mir dann endgültig sicher. Er ist sportlich wieder da! 

2014 – 2019

Aufgrund der höheren Gewichtsbelastung auf die Fußgelenke, wurde das Laufen noch eher hinten angestellt. Es vergingen wieder einige Operationen und ein paar Tief’s, bis nach über 5 Jahren das erste Mal der Laufschuh wieder geschnürt wurde. Jedoch sofort die Erkenntnis, dass das wohl noch viel mehr Geduld erfordert… 

Wie immer ist es Flo aber Schritt für Schritt angegangen und hat immer nach vorne geschaut.

Durch den Unfall und die positive Lebenseinstellung von Flo, trotz der vielen Zeiten im Rollstuhl und auf Krücken, bekomme ich selber immer einen Motivationsschub. 

2018

Am größten war für mich diese Motivation, als Flo bei meiner zweiten Langdistanz in Roth bis zum Startschuss bei mir geblieben ist und mir ein Stück Anspannung, mit seiner typisch lockeren Art, genommen hat. 

Etwas später im Jahr, kurz vor Weihnachten, liefen wir dann gemeinsam 5km um Sankt Englmar und sofort war unsere alte Idee von einem gemeinsamen Halbmarathon wieder zurück. 02.Juni 2019 in Regensburg – „des machma!“ 

2019

Nach und nach konnte Flo immer längere Strecken laufen. Mit einigen Höhenmetern hat er sein Lauftraining noch verstärkt. Als er mir dann einen Tag vor unserem Halbmarathon offenbarte, „Weiter wie 13km bin i fei no ned gloffa“, bekam ich kurz das Gefühl, das es ein langer Tag werden könnte in der Regensburger Sonne. 

Mit einem Artikel in der MZ war dann auch im Vorfeld genug Druck aufgebaut und wir wussten, das wir das schaffen werden!

Regensburg – 02.06.2019 

Pünktlich um 8.30 Uhr fiel der Startschuss für unser gemeinsames Ziel, das sich um 10 Jahre verschoben hat. Viele Emotionen begleiteten uns auf die 21km, weil es viele Jahre zuvor so aussah, als ob es nie möglich sein wird gemeinsam zu laufen. 

Nach genau 2h und 30min, einem harten Kampf und dem ersten Schluck Bier, erreichten wir das Ziel. Glücklich und mehr als Stolz. 

Trotz körperlichen Problemen hat Flo nie aufgehört zu laufen. Er hat dran geglaubt und es durchgezogen. Der Muskelkater vergeht, aber die Bestätigung aus diesem Lauf für deine Stärke der letzten 10 Jahre wird für immer bleiben. 

Nach jeder Ziellinie blickt man zurück auf die eigene Vorbereitung, die Momente die keiner sieht. Der Wettkampf ist oft das letzte Prozent eines langen Weges. Der gemeinsame Halbmarathon mit Flo hat mir gezeigt wie wichtig Ziele sind und vor allem wie wichtig dein eigener Wille ist. 

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