Der längste Tag des Jahres

„Julian, wenn du so weiter läufst wirds eine Punktlandung….“ schreit sich Thomas Neiswirth, mein letztjähriger Trainingspartner, bei Kilometer 25 beim Marathon die Seele aus dem Leib.

Mit Punktlandung war 11h gemeint, aber das war doch nicht dass was ich wollte…ich wollte die 10 vorne stehen haben und nicht mehr die 11..!

Dran geglaubt habe ich nicht mehr….beim Radeln sind zu viele Körner gegen den Wind verloren gegangen…. für mich als schwächeren Radler sowieso…

„Zamreissn – Lauftechnik – auf die Versorgung aufpassen und dran bleiben. Du willst es und du holst es dir, hier und jetzt, come on !!“

Das war ein Ausschnitt aus meinem inneren Dialog bei Kilometer 25, auf dem Weg zurück Richtung Roth ….

 

Aber von Anfang an:

Roth ist ein kleiner fränkischer Ort mit einer großen Leidenschaft: TRIATHLON.

Diese Leidenschaft spürt man, durch und durch. Ganz besonderes eskaliert diese Leidenschaft in der Rennwoche vor dem Challenge. Party’s, die Triathlon Messe, Feste in jedem umliegenden Dorf und Non – Stop Stimmung. Hilpoltstein und Roth tauchen eine Woche lang in den Triathlon ein und jeder, ob  Athlet, Einheimischer oder Besucher, atmet diese Atmosphäre  ein.

Freitag, 29.06.2018

Schon bei der Einfahrt nach Roth steht der Banner „Welcome Home Triathletes“ und man fühlt sich genauso…. hier ist Triathlon Geschichte zu Hause…hier waren Sie alle schon, von Al-Sultan bis Zäck.

Neben der kleinen Anspannung in unseren Stimmen erkennt man auch eine riesen Vorfreude auf den längsten Tag des Jahres. Ab auf die Messe, Startnummern holen, Domi und Tobi treffen und dann, mit neuem Rucksack und voll beladen, durch die vielen Stände geschlendert. Der ein oder andere Profi ist ebenfalls unterwegs und lässt sich die Nudelparty  nicht entgehen.

Pastaparty mit den Jungs! #wolfpackonfire

Mit vollem Bauch geht es dann zurück in unseren „Homestay“.  Danke an dieser Stelle an Teresa, Mäx und ihre Familie für die super Unterkunft und tollen Tage in Hilpoltstein.

Samstag, 30.06.2018

Lange ausgeschlafen und gut gefrühstückt, mit einer To-Do Liste versucht man sich einigermaßen zu beruhigen… was gut funktioniert…Planung ist das A und O. „Moang um de Zeit sitz ma scho am Radl“ – diese ehrliche  Information von Stefan war zu diesem Zeitpunkt nicht beruhigend, sondern hat meine Anspannung noch beflügelt. “ Ja genau, moang schepperts!“

Der Bike – CheckIn war ziemlich entspannt, die 800 Meter Fußweg bis dorthin und die super Organisation der Challenge Crew kam uns entgegen. Radl ist abgegeben, der Laufbeutel, 586875938 Mal gecheckt, ebenfalls! Na dann – private Pastaparty, viel Essen und wenig an Morgen denken. Nach dem Essen noch ein kleiner Spaziergang mit unseren Mädls, Sabrina und Linnéa, zur Wechselzone 1. Alles ruhig…es warten knapp 6000 Räder auf ihre Besitzer…die Luft hier wird in ein paar Stunden knistern vor Energie.

Samstag Abend, alles ruhig rundum die Wechselzone.

Sonntag, der TAG der TAGE, 01.07.2018

WECKER – 4:15 Uhr

Den Umständen entsprechende ruhige, kurze Nacht, aufgewacht, erster Gedanke: Rock’n’Roll!!

7 Toastbrote, einen Milchreis und zwei Espresso später, starten wir mit unseren Radbeuteln und den After Race Sachen in Richtung Schwimmstart. Die sentimentale Musik, die man schon von Weitem hört,  ergibt mit den tausenden Zuschauern eine unvergessliche Atmosphäre rundum den Kanal.

Guten Morgen Hilpoltstein:)

Erste Gänsehaut um 5:30 Uhr!

Das Rad mit Verpflegung ausgestattet geht es zur Ablage unserer Bikebeutel…..und da, ….unser 30köpfiger Fanclub mit roten „Bergsport360 Shirts“.

 

„Scheiße…des san alle wegen uns da Stefan“,    „Wahnsinn….saugeil..“

Zweite Gänshaut, 5:40 Uhr 😀

Schnell zu Mama und Papa. „Bist nervös?“ …“Na!“ … natürlich war ich nervös…ohne Ende sogar.

Unser Aufwärm Programm haben wir trotz aller Anspannung perfekt durchgezogen. Vor allem das Warm up meiner Schulter war mir wichtig…war doch das Schwimmen mit meiner operierten Schulter immer mal wieder zum Problem geworden. Die Profis begannen wenig später ihren „Arbeitstag“ pünktlich um 6.30 Uhr. Langsam wird es ernst, ich ziehe langsam meinen Neo bis zur Hüfte an und freue mich einfach auf die Stimmung und die Kulisse.

7:10 – kurz Einschwimmen, einmal ein Blick zur Brücke und zu unserem Fanclub…alles auf GO!

7:15 Uhr tief durchatmen und ab geht’s…. STARTSCHUSS für mich!

Stefan startet 5 Minuten nach mir.

Schwimmen:

Gut losgekommen, schnell in den gewohnten Rhythmus gefunden und keine Schulter Probleme. Mehr wollte ich nicht, einfach einen guten Start in den Tag schaffen.

Irgendwo kurz vor der Brücke dann Schmerzen in der Schulter…..kein Problem, einfach ruhig weiter machen und die letzten Meter noch durchziehen. Kurz vor dem Ausstieg im Kopf den Wechsel durchgehen. Ausstieg, Badekappe verloren, kurz völlig verwirrt, ab zum Beutel, ab aufs Rad….und raus, zwischen den tausend Zuschauern hindurch: „Wow is Roth krass!“

Radeln:

Gleich mal eine großen Schluck Maurten aus der Flasche, paar Kurven und dann die erste längere Gerade. Gedanklich einstellen auf die nächsten, hoffentlich fünfeinhalb  Stunden. Es war ziemlich windig Richtung Greding, aber die Motivation war auf der ersten Runde noch voll da. Vor allem der Fokus auf die Ernährung hat nie versagt. Über den Kalvarienberg geklettert und wieder Richtung Hilpoltstein, wo bei Km 77 der Berg der Berge wartet…….

Worte gibt es für dieses Gefühl keine…Solarer Berg und die rund 30.000 Zuschauer …unbeschreiblich!! Mit Schwung aus diesem Erlebnis in die zweite Runde. Der Wind zerrte langsam an mir, was ich bei Km 100 schon zu spüren bekam. „Ganz egal, weiter auf die Ernährung achten und ja nicht abschießen…du bist soweit gekommen, du bleibst dran!! Meine Laune war nicht mehr die Beste….. aber nach 5:54h war ich in der zweiten Wechselzone…. nach einer Gefühlsachterbahn mitten durchs Frankenland.“

Laufen:

Nach den ersten Schritten in den Laufschuhen waren meine Gedanken sofort: „Ok, des geht scho besser, laffa kannst, also gib Gas!“ Nach der ersten Kurve kam auch schon der nächste Gänsehautmoment. Unser ganzer Fanclub stand in der Unterführung und beschallte die komplette Laufstrecke. Ihr seid der absolut geilste Fanclub der Welt!! Nach einer kurzen Umarmung von meiner Mama war die Freude zurück.  Mit voller Motivation raus auf die Strecke, die Pace immer im Blick und einfach laufen. Bei Km 9 lief ich auf Stefan auf, der einen Vorsprung von Schwimmen und Radeln hatte. Kurzer gegenseitiger Check und nach dem Satz „Wir sehen uns im Ziel“ zum ersten Mal der Gedanke an die Finishline im Stadion.  Aber soweit war es noch nicht….

Lange, sehr lange, sehr sehr lange ..führte uns die Strecke einsam am Kanal entlang.  Der schon verstrichene Wettkampf und die Eigenmotivation fordern immer mehr Körner…

„Weiter, weiter, weiter..irgendwann is der Kanal a vorbei“. Mit einer 5er Pace ging es an Thomas Neiswirth und Simon Gehr vorbei und wieder Richtung Rother Marktplatz. Am Weg zurück wartete eine ganz besondere Überraschung auf mich. Stefan Wagner, danke, dass du mit Laura mitgekommen bist und trotz Krücken und Rollstuhl da warst, du kannst dir nicht vorstellen wie sehr so etwas pusht, vor allem war es für uns beide ja schon die zweite Langdistanz:)  Unser Fanclub hat in der Zwischenzeit den Marktplatz  schon fest übernommen und in ein gigantisches Stimmungsnest verwandelt, HAMMER!  Bei Km 30 vorbei, mit gleichbleibender Pace, die letzte Schleife Richtung Büchenbach angegriffen. Mit kleinen Bergen und einem großen Berg ist Büchenbach die letzte  Herausforderung, bei der ich zum ersten Mal zum Gehen gezwungen wurde, aber bergab schon…… Kurz überlegt dass sich das mit dem Sub11 wohl nicht mehr ausgehen wird… dann der Knackpunkt…bei Km 37 mit einem Vorbeilaufenden wieder eingestiegen, die Krämpfe rausgelaufen, zur letzten Versorgungsstation,  alles an Cola und Red Bull vernichtet und wieder mit einer 4:45 Pace gestartet. Wo diese plötzliche Energie hergekommen ist, wollte ich gar nicht wissen, sie war da! Mit dem Blick auf den Rother Kirchturm und einer langwierigen Rechnung von 7:15 Uhr bist JETZT…. wurde mir bewusst: „I schaffs unter 11!“ …Pace durchgezogen, das Ziel kann man schon hören….ein paar Kurven noch, der Blick in so viele strahlende Gesichter am Streckenrand, Bahnübergang, letzte Meter, da ist er, der rote Teppich!!

Yes!! Die schönsten letzten Meter im Triathlon Zirkus.

Der schönste rote Teppich der Welt! Das Ziel, das wir seit einem dreiviertel Jahr gemeinsam verfolgen, kein Tag ist vergangen an dem ich nicht an dieses Rother Stadion gedacht habe.

Mit 10:52h komme ich überglücklich, Adrenalin geladen und mit Gänsehautentzündung ins Ziel. Es war der härteste und geilste Tag!! Ich habe mir einen Traum erfüllt. Roth, der größte Triathlon der Welt. Als Stefan ins Ziel kommt steht es fest, Team Bergsport360 hat die RoadtoRoth erfolgreich beendet.

Sche wars!!

Danke unseren Familien, unserem 360GradFanclub, unseren Trainingskollegen, unseren Trainern, unseren Partnern und allen die uns geholfen, oder uns motiviert haben. Ihr seid der WAHNSINN!!!

Südkurve Roth – der geilste Fanclub der Welt und gleichzeitig meine Familie:)

Ohne euch wäre das Projekt sehr früh gescheitert!

Mein größter Dank geht an dich Stefan. Es war ein spannendes Ziel und eine spannende Zeit. Nach Höhen und Tiefen und langen Wartezeiten am Pannenstreifen (LINK) haben wir nun eine Medaille mehr und vor allem eine ziemlich gute Freundschaft:)

Das war nicht die letzte Story…..:) 

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